Von Internet bis Firmengründung
Bolivien bietet in den großen Städten eine Auswahl schöner Remote Arbeitsplätze die kaum Wünsche offen lassen – Glasfaser Speed inbegriffen
1- Internet & Infrastruktur
Digitale Nomaden: Internet-Infrastruktur, Coworking und Technik-Importe
Bolivien galt lange als weißer Fleck für digitales Nomadentum — hauptsächlich wegen einer Infrastruktur, die mit „mäßig“ noch freundlich beschrieben war. Das stimmt heute nur noch zur Hälfte. Auf dem Land und im Amazonasbecken ist zuverlässiges Internet nach wie vor Glückssache. In den Städten hat sich dagegen in den letzten Jahren tatsächlich etwas getan.
Von 2,4 Mb/s zu Glasfaser
Noch 2016 hatte Bolivien mit einem Schnitt von 2,4 Mb/s das langsamste Internet Südamerikas. Für La Paz, Santa Cruz und Cochabamba gilt das heute nicht mehr — zumindest nicht in den neueren Stadtvierteln. In Zona Sur (La Paz) oder Equipetrol (Santa Cruz) ist Glasfaser inzwischen Standard, Tarife mit bis zu 160 Mbps kosten zwischen 20 und 35 USD pro Monat. Die wichtigsten Anbieter: ENTEL (staatlich), TIGO und VIVA.
Backup trotzdem einplanen. Die Leitungsstabilität schwankt stärker als die Werbung verspricht, und eine SIM mit großem Datenvolumen kostet wenig. Was viele erst vor Ort merken: Bolivianische Häuser sind aus massivem Ziegel gebaut, WLAN kommt kaum durch die Wände. Repeater oder Mesh, sonst sitzt man mit schlechtem Signal direkt neben dem Router.
Coworking
Wenig. Was es gibt, liegt fast ausschließlich in La Paz und Cochabamba. Santa Cruz ist das wirtschaftliche Zentrum des Landes und hat trotzdem keine nennenswerte Coworking-Szene — dort wird hauptsächlich in Cafés der großen Malls gearbeitet, das Ventura Mall ist das bekannteste. Kein perfekter Zustand, aber es funktioniert. Foursquare oder Wifi Finder helfen beim Suchen.
Hardware
Das ist der Punkt, der IT-Profis am häufigsten kalt erwischt. Bolivien hat kein funktionierendes Paketsystem für internationale Sendungen und keinen Zugang zu Amazon oder Vergleichbarem. Zölle auf Elektronikeinfuhren sind hoch — Markenhardware kostet vor Ort schnell das Doppelte des europäischen Preises, wenn man sie überhaupt findet. Gebrauchtmarkt läuft über Facebook Marketplace: bar, vor Ort, auf eigenes Risiko.
Praktische Konsequenz: Alles Wichtige kommt von zuhause mit. Laptop, Kameras, Spezialkabel, Ersatzakkus. Wer das vergisst, zahlt drauf — oder wartet.
2- Arbeit & Steuern
Remote Work & Steuern: Das territoriale System und die Auslandskunden
Für Ausländer, die in Europa oder den USA verdienen und in Bolivien leben, ist die Kombination verlockend — hartes Gehalt, niedrige Kosten. Wer 2.000 USD im Monat verdient, gehört dort zur wirtschaftlichen Oberschicht. Ein lokaler Angestellter kommt oft auf unter 300.
Das territoriale Steuerprinzip
Bolivien besteuert nur Einkommen, das im Land selbst erwirtschaftet wird. Honorare von europäischen Kunden, Remote-Arbeit für ausländische Auftraggeber, Dividenden aus Aktien im Ausland — das alles fällt formal nicht unter die bolivianische Einkommensteuer. Klingt fast zu gut.
Die Grauzone
Ist es auch ein bisschen. Wer in Bolivien sitzt und eine Dienstleistung erbringt, schafft die Wertschöpfung technisch auf bolivianischem Boden — ein Finanzamt könnte das anders lesen. Das bolivianische tut es derzeit nicht. Es interessiert sich für lokale Unternehmen und formell angestellte Mitarbeiter. Wer ausländische Konten nutzt oder über eine US-LLC abrechnet und monatlich nur den Lebensunterhalt überweist, ist im Raster der Behörden nicht sichtbar. Das ist der aktuelle Stand — kein Versprechen.
Lokale Steuern
Falls man doch formal tätig wird: Angestellte zahlen 13 % Einkommensteuer. Selbstständige kommen auf 13 % IVA plus 3 % Transaktionssteuer (IT). Ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland gibt es — wer in beiden Ländern Einkommen hat, zahlt nicht doppelt.
3- Banking & Devisen
Banking & Devisen: Dollar-Knappheit und Parallelkurse
Bolivien steckt seit 2023 in einer Devisenkrise, die für Ausländer mit lokalen Bankkonten konkrete Probleme verursacht. Wer das System nicht kennt, zahlt drauf — im wörtlichen Sinne.
Dollar-Knappheit
Der Grund liegt in schwindenden Gasreserven und fehlenden Auslandsinvestitionen. Das offizielle Bankensystem hat schlicht zu wenig US-Dollar. Die Folge: Bolivianische Bankkarten sind für internationale Onlinezahlungen auf bis zu 50 USD pro Monat limitiert. Cloud-Software, Hosting, internationale Abos — damit kommt man damit nicht weit.
Der Parallelkurs
Der offizielle Wechselkurs liegt seit über zehn Jahren künstlich bei ca. 6,96 Bolivianos pro Dollar. Der tatsächliche Markt sieht anders aus: Auf dem Parallelmarkt werden derzeit rund 11,40 Bs pro USD gehandelt, teils mehr. Wer Devisen über inoffizielle Wechsler ins Land bringt, bekommt also grob die Hälfte mehr als beim Gang zur Bank. Das ist kein Geheimtipp — das ist die alltägliche Realität der meisten Expats dort.
Banking in der Praxis
Ein lokales Konto lässt sich eröffnen, braucht aber eine gültige Cédula de Identidad. Die meisten Expats nutzen es trotzdem kaum. Sie halten ihr Geld auf Wise oder Revolut, bringen Bargeld in USD mit und tauschen es in Casas de Cambio zum Parallelkurs. Krypto als Transferbrücke ist ebenfalls verbreitet, vor allem unter digital Arbeitenden.
4- Firmen Gründung
Firmengründung: Rechtsformen, SEPREC und die Ausländerquote
Wer in Bolivien eine Firma mit echter lokaler Präsenz aufbauen will, sollte Zeit mitbringen. Viel davon.
Rechtsformen und Gründungsprozess
Die gängigste Rechtsform für ausländische Gründer ist die Sociedad de Responsabilidad Limitada (S.R.L.) — in etwa eine GmbH. Registriert wird beim Handelsregister SEPREC. Die offiziellen Angaben nennen 30 bis 45 Tage. Wer Praktiker fragt, hört: ein bis zwei Jahre ohne Anwalt. Das Mindestkapital liegt bei 1.000 Bs (rund 145 USD zum offiziellen Kurs) — günstig auf dem Papier, aber Notar und Anwalt summieren sich schnell.
Die 15%-Ausländerquote
Bolivianisches Arbeitsrecht erlaubt maximal 15 % ausländische Mitarbeiter. Für internationale Teams, die auf technische Fachkräfte angewiesen sind, die lokal schlicht nicht verfügbar sind, ist das kein Verwaltungshindernis — das ist ein Dealbreaker.
Steuern und Geldtransfer
Körperschaftsteuer: 25 %. Sozialversicherung: rund 16,71 % auf den Bruttolohn. Und wer Gewinne in Dollar oder Euro rausbekommen will, stößt derzeit gegen eine Wand: Die Devisenkrise macht legale Transfers in harter Währung praktisch unmöglich. Bolivien als Unternehmensstandort macht deshalb vor allem für Firmen Sinn, die den lokalen Markt bedienen und Gewinne auch dort lassen.
Fazit
Für Remote-Arbeit mit ausländischem Konto funktioniert Bolivien gut. Für eine klassische Firmengründung ist es eines der zähesten Länder auf dem Kontinent.
Von Internet bis Firmengründung
Bolivien bietet in den großen Städten eine Auswahl schöner Remote Arbeitsplätze die kaum Wünsche offen lassen – Glasfaser Speed inbegriffen
1- Internet & Infrastruktur
Digitale Nomaden: Internet-Infrastruktur, Coworking und Technik-Importe
Bolivien galt lange als weißer Fleck für digitales Nomadentum — hauptsächlich wegen einer Infrastruktur, die mit „mäßig“ noch freundlich beschrieben war. Das stimmt heute nur noch zur Hälfte. Auf dem Land und im Amazonasbecken ist zuverlässiges Internet nach wie vor Glückssache. In den Städten hat sich dagegen in den letzten Jahren tatsächlich etwas getan.
Von 2,4 Mb/s zu Glasfaser
Noch 2016 hatte Bolivien mit einem Schnitt von 2,4 Mb/s das langsamste Internet Südamerikas. Für La Paz, Santa Cruz und Cochabamba gilt das heute nicht mehr — zumindest nicht in den neueren Stadtvierteln. In Zona Sur (La Paz) oder Equipetrol (Santa Cruz) ist Glasfaser inzwischen Standard, Tarife mit bis zu 160 Mbps kosten zwischen 20 und 35 USD pro Monat. Die wichtigsten Anbieter: ENTEL (staatlich), TIGO und VIVA.
Backup trotzdem einplanen. Die Leitungsstabilität schwankt stärker als die Werbung verspricht, und eine SIM mit großem Datenvolumen kostet wenig. Was viele erst vor Ort merken: Bolivianische Häuser sind aus massivem Ziegel gebaut, WLAN kommt kaum durch die Wände. Repeater oder Mesh, sonst sitzt man mit schlechtem Signal direkt neben dem Router.
Coworking
Wenig. Was es gibt, liegt fast ausschließlich in La Paz und Cochabamba. Santa Cruz ist das wirtschaftliche Zentrum des Landes und hat trotzdem keine nennenswerte Coworking-Szene — dort wird hauptsächlich in Cafés der großen Malls gearbeitet, das Ventura Mall ist das bekannteste. Kein perfekter Zustand, aber es funktioniert. Foursquare oder Wifi Finder helfen beim Suchen.
Hardware
Das ist der Punkt, der IT-Profis am häufigsten kalt erwischt. Bolivien hat kein funktionierendes Paketsystem für internationale Sendungen und keinen Zugang zu Amazon oder Vergleichbarem. Zölle auf Elektronikeinfuhren sind hoch — Markenhardware kostet vor Ort schnell das Doppelte des europäischen Preises, wenn man sie überhaupt findet. Gebrauchtmarkt läuft über Facebook Marketplace: bar, vor Ort, auf eigenes Risiko.
Praktische Konsequenz: Alles Wichtige kommt von zuhause mit. Laptop, Kameras, Spezialkabel, Ersatzakkus. Wer das vergisst, zahlt drauf — oder wartet.
2- Arbeit & Steuern
Remote Work & Steuern: Das territoriale System und die Auslandskunden
Für Ausländer, die in Europa oder den USA verdienen und in Bolivien leben, ist die Kombination verlockend — hartes Gehalt, niedrige Kosten. Wer 2.000 USD im Monat verdient, gehört dort zur wirtschaftlichen Oberschicht. Ein lokaler Angestellter kommt oft auf unter 300.
Das territoriale Steuerprinzip
Bolivien besteuert nur Einkommen, das im Land selbst erwirtschaftet wird. Honorare von europäischen Kunden, Remote-Arbeit für ausländische Auftraggeber, Dividenden aus Aktien im Ausland — das alles fällt formal nicht unter die bolivianische Einkommensteuer. Klingt fast zu gut.
Die Grauzone
Ist es auch ein bisschen. Wer in Bolivien sitzt und eine Dienstleistung erbringt, schafft die Wertschöpfung technisch auf bolivianischem Boden — ein Finanzamt könnte das anders lesen. Das bolivianische tut es derzeit nicht. Es interessiert sich für lokale Unternehmen und formell angestellte Mitarbeiter. Wer ausländische Konten nutzt oder über eine US-LLC abrechnet und monatlich nur den Lebensunterhalt überweist, ist im Raster der Behörden nicht sichtbar. Das ist der aktuelle Stand — kein Versprechen.
Lokale Steuern
Falls man doch formal tätig wird: Angestellte zahlen 13 % Einkommensteuer. Selbstständige kommen auf 13 % IVA plus 3 % Transaktionssteuer (IT). Ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland gibt es — wer in beiden Ländern Einkommen hat, zahlt nicht doppelt.
3- Banking & Devisen
Banking & Devisen: Dollar-Knappheit und Parallelkurse
Bolivien steckt seit 2023 in einer Devisenkrise, die für Ausländer mit lokalen Bankkonten konkrete Probleme verursacht. Wer das System nicht kennt, zahlt drauf — im wörtlichen Sinne.
Dollar-Knappheit
Der Grund liegt in schwindenden Gasreserven und fehlenden Auslandsinvestitionen. Das offizielle Bankensystem hat schlicht zu wenig US-Dollar. Die Folge: Bolivianische Bankkarten sind für internationale Onlinezahlungen auf bis zu 50 USD pro Monat limitiert. Cloud-Software, Hosting, internationale Abos — damit kommt man damit nicht weit.
Der Parallelkurs
Der offizielle Wechselkurs liegt seit über zehn Jahren künstlich bei ca. 6,96 Bolivianos pro Dollar. Der tatsächliche Markt sieht anders aus: Auf dem Parallelmarkt werden derzeit rund 11,40 Bs pro USD gehandelt, teils mehr. Wer Devisen über inoffizielle Wechsler ins Land bringt, bekommt also grob die Hälfte mehr als beim Gang zur Bank. Das ist kein Geheimtipp — das ist die alltägliche Realität der meisten Expats dort.
Banking in der Praxis
Ein lokales Konto lässt sich eröffnen, braucht aber eine gültige Cédula de Identidad. Die meisten Expats nutzen es trotzdem kaum. Sie halten ihr Geld auf Wise oder Revolut, bringen Bargeld in USD mit und tauschen es in Casas de Cambio zum Parallelkurs. Krypto als Transferbrücke ist ebenfalls verbreitet, vor allem unter digital Arbeitenden.
4- Firmengründung
Firmengründung: Rechtsformen, SEPREC und die Ausländerquote
Wer in Bolivien eine Firma mit echter lokaler Präsenz aufbauen will, sollte Zeit mitbringen. Viel davon.
Rechtsformen und Gründungsprozess
Die gängigste Rechtsform für ausländische Gründer ist die Sociedad de Responsabilidad Limitada (S.R.L.) — in etwa eine GmbH. Registriert wird beim Handelsregister SEPREC. Die offiziellen Angaben nennen 30 bis 45 Tage. Wer Praktiker fragt, hört: ein bis zwei Jahre ohne Anwalt. Das Mindestkapital liegt bei 1.000 Bs (rund 145 USD zum offiziellen Kurs) — günstig auf dem Papier, aber Notar und Anwalt summieren sich schnell.
Die 15%-Ausländerquote
Bolivianisches Arbeitsrecht erlaubt maximal 15 % ausländische Mitarbeiter. Für internationale Teams, die auf technische Fachkräfte angewiesen sind, die lokal schlicht nicht verfügbar sind, ist das kein Verwaltungshindernis — das ist ein Dealbreaker.
Steuern und Geldtransfer
Körperschaftsteuer: 25 %. Sozialversicherung: rund 16,71 % auf den Bruttolohn. Und wer Gewinne in Dollar oder Euro rausbekommen will, stößt derzeit gegen eine Wand: Die Devisenkrise macht legale Transfers in harter Währung praktisch unmöglich. Bolivien als Unternehmensstandort macht deshalb vor allem für Firmen Sinn, die den lokalen Markt bedienen und Gewinne auch dort lassen.
Fazit
Für Remote-Arbeit mit ausländischem Konto funktioniert Bolivien gut. Für eine klassische Firmengründung ist es eines der zähesten Länder auf dem Kontinent.


